Montag, 27. Juli 2009
Die Krise beflügelt Outsourcing kaum. Statt Kosten um jeden Preis zu senken, prüfen Firmen gezielt, welcher Mehrwert für sie entsteht. So der Tenor mehrerer aktueller Studien. ZDNet fasst auch deren weitere Ergebnisse zusammen.
Auf der Suche nach Einsparungsmöglichkeiten stellen derzeit fast alle Firmen ihre Strukturen auf den Prüfstand. Ein einfacher Weg, schnell große Kostenblöcke loszuwerden, scheint für viele auf den ersten Blick Outsourcing zu sein. Zumindest für die, die sich bisher damit noch nicht oder nur wenig beschäftigt haben.
So sahen laut Steria Mummert Consulting Ende 2008 rund 46 Prozent der Unternehmen den wichtigsten Vorteil von Outsourcing in möglichen Kostensenkungen. Fast alle rechneten mit Einsparungen von mehr als zehn Prozent. Besonders für Firmen, deren Umsatz im vergangenen Jahr gesunken ist, spielte dieser Faktor eine große Rolle. Und einer europaweiten CIO-Umfrage von Harvey Nash zufolge wollen 60 Prozent der in Deutschland befragten Firmen ihr Outsocuring-Budget dieses Jahr erhöhen oder zumindest beibehalten. Auch in dieser Studie sind Kosteneinsparungen der wichtigste Aspekt. Drei Viertel hoffen ihn beim Infrastruktur-Outscourcing erzielen zu können Fast 60 Prozent rechnen beim Outscourcing der Entwicklung beziehungsweise Betreuung von Anwendungssoftware mit geringeren Kosten.
Andere Studie und Umfragen deuten jedoch darauf hin, dass trotz des wirtschaftlich schwierigen Umfelds eine Trendwende einsetzt. Gerade erfahrenere Outsourcing-Nutzer, die sich augenblicklich mit der von vielen als Second-Generation-Outsourcing bezeichneten Verlängerung oder Erneuerung von bestehenden Verträgen befassen, rücken nämlich andere Aspekte in den Vordergrund.
Das belegen mehrere aktuelle Umfragen und Studien. Deren Tenor: Die Unternehmen haben erkannt, dass sich Kosten bei gleichbleibender Qualität nur bis zu einem gewissen Punkt drücken lassen. Danach geht die von den Outsourcern vielbeschworene "Innovationspartnerschaft" in die Brüche, denn auch Rationalisierungseffekte haben ihre Grenzen und neue Hard- und Software kostet - auch wenn sie im großen Stil eingekauft wird - immer noch Geld.
Glaubt man den Ergebnissen der Umfragen der Experton Group und den Analysten von Pierre Audoin, dann rückt in letzter Zeit Flexibilität verstärkt in den Vordergrund. Dazu tragen möglicherweise auch die Diskussionen und Überlegungen rund um Software-as-a-Service und Cloud Computing bei, wo ja neben den niedrigeren Kosten die höhere Flexibilität ebenfalls ein wichtiges Argument ist. Obwohl beide Angebote erst von vergleichsweise wenig Firmen genutzt werden, scheinen die Argumente auf offene Ohren gestoßen zu sein. Aber bevor sie sich auf Neuland wagen, probieren viele Manager offenbar erst einmal aus, ob sich die propagierten Vorteile nicht auch mit herkömmlichen Methoden erreichen lassen.
Partnerschaft statt Kostenschraube
Ein auf den ersten Blick einfacher Weg, mehr Flexibilität zu erreichen, sind kürzere Vertragslaufzeiten. Auf den zweiten Blick stellt sich das jedoch als Trugschluss heraus. Erstens ist es - trotz der theoretischen Zusicherungen - in der Praxis gar nicht so einfach, seinen Outsourcing-Partner zu wechseln. Zweitens verliert das wichtigste Argument für kurze Vertragslaufzeiten - die Möglichkeit, beim Verlängerungsgespräch nochmal an der Kostenschraube drehen zu können – an Relevanz.
Während bei früheren Umfragen diesem Aspekt noch wesentlich mehr Bedeutung zugemessen haben, hat sich jetzt offensichtlich der sich schon im vergangenen Jahr abzeichnende Trend durchgesetzt, Kostenvariabilisierung, Flexibilität und kontinuierliche Innovation höher einzuschätzen. Außerdem wird der Outsourcer von immer mehr Unternehmen nicht mehr nur als Melkkuh, sondern als Partner gesehen.
Dazu gehört auch die Einsicht, dass eine weitgehende Standardisierung Kostenvorteile bieten kann während individuelle Vereinbarungen häufig lediglich überkommene Strukturen zementieren. Oder anders gesagt: Wenn der Outsourcer verpflichtet wird, mit veralteten Methoden zu arbeiten, dürfte es ihm schwer fallen, Kosten zu senken und Innovation einzubringen.
Die Krise schweißt offenbar zusammen. Denn einen ähnlichen Meinungsumschwung hat auch eine IBM-Umfrage kürzlich ausgemacht. Demnach legen mittelständische Unternehmen großen Wert darauf, dass ihre IT-Dienstleister nicht nur IT-Lieferanten sind, sondern vor allem auch Berater. Drei Viertel der befragten Unternehmen wünschen sich einen Partner, der sowohl technische als auch strategische Beratung leisten kann. Warum sollte das beim Outsourcing anders sein?
Kunden sollen neue Servicekonzepte zulassen
Eines der Kernergebnisse der Studie zur Entwicklung des Outsourcingmarkts in Deutschland, die die Analysten von Pierre Audoin Consultants (PAC) im Auftrag von Computacenter durchgeführt haben, ist, dass die Beziehung zwischen Dienstleister und Kunde statt auf einer rein technologischen zunehmend auf einer Service- oder Business-orientieren Ebene bewertet wird: 90 Prozent der Befragten erwarten vom Dienstleister inzwischen auch jenseits der IT ein Verständnis der Geschäftsprozesse und -anforderungen.
Soweit die Theorie. In der Praxis steht dem klaren Wunsch, dem Dienstleister mehr Verantwortung zu übertragen, ein Mangel an Bereitschaft gegenüber, ihm bei der Leistungserbringung auch tatsächlich freie Hand zu lassen. Viele Kunden halten immer noch an klassischen Outsourcingverträgen mit teilweise sehr individuellen Vereinbarungen fest. Das Lippenbekenntnis, nicht nur Kosten senken zu wollen, scheint in der Krise schwer umsetzbar zu sein.
Neue Konzepte wie Outsourcing 2.0 bieten einen größeren Nutzen für das Geschäft, fordern aber auch eine klare Trennung zwischen dem, was erbracht wird, und der Art und Weise, wie dies geschieht", sagt Jürgen Stauber, Geschäftsführer Managed Services bei Computacenter Deutschland. Unter Outsourcing 2.0 versteht Stauber in erster Linie den Utility-Computing-Ansatz, bei dem der Kunde nur Leistungen bezahlt, die er tatsächlich nutzt.
Aufgrund der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit bestimmten derzeit Mischformen den Markt für Infrastruktur-Outsourcing. Anhand der eingehenden Anfragen sehe Computacenter bei den Kunden aber eine zunehmende Akzeptanz von End-to-End-Lösungen. "Signifikante, zusätzliche Kostenvorteile lassen sich nur erzielen, wenn die Kunden neue Servicekonzepte zulassen", meint Stauber.
Da ist es also wieder, das Dilemma zwischen Standardisierung und individuellen Anforderungen. Das wirtschaftliche Umfeld zwingt aber wohl so manches Unternehmen zu überprüfen, ob das, was man bisher für bisher unabdingbar gehalten hat, wirklich so unentbehrlich ist, und zu hinterfragen, ob den durch die Individualität entstehenden Mehrkosten auch ein vergleichbarer Mehrwert gegenübersteht. Gerade bei dem von Computacenter betriebenen Infrastrukturoutsourcing wird das wahrscheinlich immer seltener der Fall sein.
Flexibilität gewinnt an Bedeutung
Die Experton Groupnimmt auf Grund von Umfrageergebnissen an, dass Outsourcing in Deutschland weiterhin an Bedeutung gewinnen wird. Neben der Auslagerung maßgeblicher Teile der IT rücke auch das Outsourcing von Geschäftsprozessen immer mehr in das Blickfeld von Unternehmen. Da sich das klassische Outsourcing-Modell zudem weiterentwickelt habe, biete es Anwendern heutzutage die Möglichkeit, eine sehr viel differenziertere Sourcingstrategie zu verfolgen.
Dennoch bleibt das klassische Outsourcing in Deutschland zunächst das bevorzugte Modell. Alternative Sourcingmodelle wollen in den kommenden zwei bis vier Jahren aber immerhin 25 Prozent der von der Experton Group befragten Unternehmen als Alternative oder als Ergänzung zum klassischen Outsourcing umsetzen oder als Einstieg in die Outsourcingwelt nutzen. Aufgefallen ist den Marktforschern vor allem das gesteigerte Interesse des Mittelstands an solchen Alternativen.
Am häufigsten ausgelagert werden im Bereich Applikationen Web-Anwendungen und -Portale, ERP, Messaging, branchenspezifische Kernanwendungen, Helpdesk, Business Intelligence sowie CRM. Das Auslagern von IT-Security wird von kleineren und mittleren Unternehmen stärker nachgefragt als von großen Unternehmen. Experton sieht als Grund dafür die fehlenden personellen und organisatorischen Ressourcen.
Geschäftsprozesse auszulagern ist in einem großen Teil der von Experton befragten Unternehmen bereits gängige Praxis. Am häufigsten anzutreffen ist es im Personal- und im Finanzwesen. Zurückzuführen ist das wahrscheinlich auf Dienstleister wie die Datev, die sich in diesen Bereichen schon jahrzehntelang etabliert haben. Andere, häufig ausgelagerte Bereiche sind laut der Experton-Umfrage branchenspezifische Geschäftsprozesse, Output-Services und das Beschaffungswesen.
Bei den von PAC im Auftrag von Computacenter befragten Firmen stehen Outsourcing-Pläne quer über alle Bereiche hinweg hoch im Kurs. Der dunkelblaue Balken repräsentiert Befragte mit konkreten Plänen in den nächsten Monaten, der blaue Balken Befragte, die Überlegungen zum Outsocuring in diesem Bereich anstellen. Der hellblaue Balken steht für Firmen, die in dem jeweiligen Segment keine Auslagerung planen (Quelle: PAC/Computacenter).
Der Outsourcing-Markt - in Deutschland und weltweit
Nach Einschätzung der Experton Group lag das Volumen des deutschen Outsourcing-Marktes 2008 bei 15,6 Milliarden Euro. Bei der prognostizierten jährlichen Wachstumsrate von knapp über acht Prozent sei im Jahr 2010 mit einem Marktvolumen von 18,2 Milliarden Euro zu rechnen. Der überwiegende Teil (70 Prozent) davon entfällt auf das Auslagern von Infrastrukturkomponenten. Dieses Segment wird nach Ansicht der Experton-Spezialisten auch weiterhin den Markt dominieren.
Das Auslagern von Applikationen trug 2008 mit 3,47 Milliarden Euro rund 22 Prozent zum deutschen Outsourcing-Markt bei. Während dieser Anteil sich in den kommenden drei bis vier Jahren nur leicht verändern wird, soll das Auslagern von Geschäftsprozessen überdurchschnittlich zulegen. Allerdings hat das Segment mit einem Umsatzvolumen von rund einer Milliarde Euro im Jahr 2008 auch noch eine untergeordnete Rolle gespielt.
Die weltweit bedeutendsten Outsourcing-Anbieter ermittelt seit geraumer Zeit regelmäßig das Beratungsunternehmen TPI mit seinem "TPI-Index". Laut den Zahlen für das erste Halbjahr 2009 sind - gemessen am Vertragsvolumen, aufgelistet jedoch in alphabetischer Reihenfolge - bei Applikations-Entwicklung und -Wartung die zehn maßgeblichen Anbieter Accenture, CGI, Cognizant, HCL, HP/EDS, IBM, Infosys, TCS, T-Systems und Wipro.
Beim Infrastruktur-Outsourcing sieht TPI weltweit - wieder in alphabetischer Reihenfolge - CSC, EDB, Fujitsu, HCL, HP/EDS, IBM, Logica, Perot Systems, T-Systems und Wipro als die zehn, am Umsatz gemessen, führenden Anbieter.
Während TPI nur die wirtschaftlichen Erfolge misst, lehnen sich die Autoren Scott Wilson und Doug Brown in ihrem jährlich erscheinenden "Black Book of Outsourcing" weiter aus dem Fenster. Auf Grundlage einer großangelegten Umfrage bei Entscheidern, Mitarbeitern von Outsourcingfirmen und Mitarbeitern von Firmen, die Outsourcing nutzen, ermitteln sie jeweils die 50 bestgeführten, global agierenden Outsourcing-Anbieter.
Die Ergebnisse schwanken sehr stark von Jahr zu Jahr, was zeigt, dass sich die Befragten in ihrer Beurteilung vor allem auf aktuelle Ereignisse und Erinnerungen stützen, und weniger auf eine Gesamtbetrachtung langjähriger Erfahrungen. Und die Befragten sind nicht frei von Fehleinschätzungen: Beispielsweise rangierte Satyam seit 2006 immer unter den ersten zehn, fiel aber aufgrund des Bilanzskandals aus der Top-50-Liste für 2009 ganz heraus. Außerdem kann man sich des Verdachts nicht ganz erwehren, dass die Liste trotz ihres globalen Anspruchs einen Schwerpunkt auf nordamerikanische Firmen legt. Interessante Denkanstöße gibt das Ranking dennoch.

