Udo Nadolski

Geschäftsführer der Harvey Nash Deutschland

Smartphone-Intelligenz

Es ist sehr interessant, welche intelligenten Dienste über den Smartphone-Markt mittlerweile etabliert werden und die Möglichkeiten der App-Economy ausreizen. So wird wohl in der Servicebranche kein Stein auf dem anderen bleiben. Schon jetzt gibt es Agenten, die schlau sind, Produkte erklären, Preise vergleichen, Kundenwünsche antizipieren, Empfehlungen aussprechen, Buchungen vornehmen, das Wetter vorhersagen, Terminkalender managen und Transaktionen auslösen. Allerdings nicht aus Fleisch und Blut. Es sind Internetdienste gekoppelt mit intelligenten Business-Netzen. Das Spracherkennungssystem Siri von Apple ist dafür ein schönes Beispiel. Im Hintergrund laufen ein gutes Dutzend Apps, mit denen es kommuniziert. Dazu zählen Wetter, Börse, Kalender, Wikipedia, Wolfram Alpha, Kontakte, oder Notizen. Diese Applikationen kann man sehr treffsicher auf die Bedürfnisse des Einzelnen ausrichten und eine semantische Wissensbasis aufbauen. Das verbessert nicht nur die Steuerung des mobilen Endgerätes, es verbessert auch den Nutzen der Applikationen, die ich nicht mehr einzeln aktivieren muss. Einfache Hotline-Auskünfte können da nicht mithalten. Die werden vom Markt verschwinden.

Was in Zukunft möglich sein wird, zeigt auch das von dem Entwickler @plamoni erweiterte Siri zur Steuerung von Thermostaten über eine WLAN-Verbindung. „Der Hack schickt seine Sprachkommandos an einen Proxy-Server, der wiederum Siri in die Lage versetzt, die eingestellte Temperatur vorzulesen oder die Einstellung des Thermostats zu verändern“, schreibt Gizmodo. Hier das Video.

Völlig unverständlich ist es nach Auffassung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von unserer Tochterfirma Nash Technologies, dass sich bislang in Deutschland keine wirklich ernstzunehmenden Startups finden, die siri-ähnliche Funktionen auf das Smartphone bringen mit einer lokalen Ausrichtung und Server im Hintergrund, die in Deutschland stehen. Hier sollten wir mehr Geistkapital investieren, um nicht den Anschluss im mobilen Internet zu verlieren.

Zu einem ähnlichen Befund gelangt auch der Wiwo-Blogger Sebastian Matthes. Siehe auch den Bericht des Düsseldorfer Fachdienstes Service Insiders.

Eine noch nicht veröffentlichte Comscore-Studie belegt, dass es in Deutschland nicht nur beim Kurznachrichtendienst Twitter langsamer vorangeht als anderswo – sondern im gesamten Wachstumsfeld des mobilen Internets. „Hauptgrund dafür ist, dass die Verbreitung von Smartphones in Deutschland geringer ist als in Nachbarländern wie Großbritannien, Italien, Spanien oder Frankreich: Nur 33 Prozent der deutschen Handybesitzer haben ein Telefon, mit dem sie bequem im Netz surfen und Apps nutzen können – der EU-Durchschnitt liegt bei rund 40 Prozent. In jedem Fall hinkt Deutschland damit in einem wichtigen Wachstumsfeld hinterher: Die Zahlen der Menschen, die europaweit soziale Netzwerke und Blogs über ihr mobiles Endgerät ansteuern, kletterte laut Comscore im vergangenen Jahr um 44 Prozent auf rund 55 Millionen. Vor allem die Zahl derjenigen, die täglich mobil auf soziale Netze zugreifen, ist mit 67 Prozent stark gestiegen. In Deutschland legte diese Zahl nicht einmal halb so stark zu. Das wachsende Interesse an mobilen Diensten hilft Unternehmen, die ohnehin stark in dem Feld sind: Twitter, LinkedIn und Facebook: Rund 39 Millionen Handybesitzer aus den größten europäischen Ländern – also 71 Prozent der Nutzer mobiler Angebote – steuern laut Comscore das Netzwerk Facebook via Handy an, 54 Prozent mehr als im Jahr zuvor“, schreibt Matthes. Unsere Verschlafenheit macht uns abhängig von Geräten, Diensten und Software, die anderswo entwickelt wurden.

„Und das ist ein Problem. Ist doch das mobile Internet eines der wichtigsten Wachstumsfelder der IT-Industrie, wo gerade die Technologien entstehen, die in wenigen Jahren unseren Alltag beherrschen werden – von der Handyzahlung, über Sprachsteuerung bis hin zur Vorhersage von Entscheidungen anhand unseres Verhaltens. Immer weniger davon kommt davon aus Deutschland“, so Matthes. Auf der Mobile World in Barcelona sollten die deutschen Vertreter über dieses Thema intensiver nachdenken.