Udo Nadolski
Geschäftsführer der
Harvey Nash Deutschland

Bewerbergespräche im Akkord: Job-Speed-Dating macht Prüfung auf Herz und Nieren fast unmöglich

Jetzt also auch noch Speed-Dating für Jobsuchende: Natürlich, es ist immer der erste Eindruck, der beim Vorstellungsgespräch den Ausschlag geben kann, aber findet man wirklich in vordefiniertem Zeitrahmen und mit dem nächsten Bewerber am Nachbartisch geeignete Mitarbeiter? Die Rheinische Post erklärt das Procedere: „Das Prinzip beim Job-Speed-Dating ist dasselbe wie bei Flirtbörsen: Bewerber wechseln im schnellen Takt ihren Gesprächspartner und müssen in einer kurzen Zeit versuchen, ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen.“

Nach erfolgreichen Testläufen versprechen sich offensichtlich immer mehr Unternehmen einiges von der neuen Art der Mitarbeiterauswahl, wie der Spiegel berichtet: „Der Kurzzeit-Kontakthof ist der zurzeit wohl ungewöhnlichste Versuch moderner deutscher Arbeitsvermittlung. Und es ist einer, in den Arbeitsagenturen und Argen in ganz Deutschland ihre Hoffnung setzen. Mal stellen sich in Chemnitz nur Ingenieure und Techniker den Akkord-Gesprächen mit potentiellen Arbeitgebern. Mal begutachten Firmen in Gütersloh künftige Auszubildende. In Hamburg wurden beim Speed-Dating bereits Lkw-Fahrer unter die Lupe genommen, in Dortmund gab's einen Akademiker-Reigen“, so das Hamburger Nachrichtenmagazin. Gleichwohl befindet sich das vermeintlich neue Instrument des Recruiting noch in der Testphase, weshalb es keine verlässlichen Zahlen für das gesamte Bundesgebiet gibt.

„Die Job-Shows liegen einerseits im Trend“, schreibt Spiegel-Redakteurin Kirsten Krumrey, „und widersprechen zugleich einem anderen: Denn während in einem Modellversuch einige Konzerne wie die Deutsche Telekom oder Procter & Gamble Bewerbungen derzeit nur noch völlig anonymisiert zulassen, um nicht in den Ruch der Diskriminierung zu geraten, weist das Job-Dating in die andere Richtung: Dort zählen gnadenlos Augenschein und direkter Kontakt.“ Zwar würden nicht unmittelbar beim Speed Dating Arbeitsverträge ausgehandelt, „aber wenn der Erstkontakt erfolgreich ist, folgen oft weitere Gespräche, Aushilfsjobs und schließlich dauerhafte Beschäftigungen.“ Bei alledem profitieren in der Regel diejenigen, die sich knackig und präzise präsentieren.

Gleichwohl gibt es für keine Seite eine Erfolgsgarantie. Natürlich kann man sich als Personalverantwortlicher den berühmten ersten Eindruck verschaffen. Dennoch bewegt man sich bei alledem nur an der Oberfläche. Standards wie Lebenslauf und Qualifikationen sind schnell gesichtet, aber die Prüfung auf Herz und Nieren ist einfach arbeitsintensiv: Über welche Soft Skills verfügt der Kandidat? Wie steht es um seine Team-, Konflikt- und Kritikfähigkeit, wie um seine Kommunikations- und Führungseigenschaften? Welchen Stellenwert haben Disziplin und Wertschätzung? Welche Ziele will er im neuen Job erreichen? Am Ende braucht es deshalb doch mehr, vor allem mehr Zeit, um sich ein umfassendes Bild eines Bewerbers zu machen.

12.10.10 12:23 | Permalink