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Wikipedia und die Artikelzensoren – Die Wissensgesellschaft kann sich Autoren-Okkultismus nicht leisten

Medienberichten zufolge führt die englischsprachige Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia redaktionelle Kontrollen unter der Bezeichnung „Flagged Revisions" ein. In Zukunft sollen Artikel zu lebenden Personen für die Nutzer nur noch eingeschränkt editierbar sein. Wie offizielle Vertreter der Wikimedia Foundation in San Francisco verlauten ließen, werden die Beiträge und Änderungen zunächst von „erfahrenen freiwilligen Redakteuren" gegengelesen, bevor sie endgültig online gehen. Vordergründig wolle die Wikipedia-Führung den Einträgen mehr Seriosität verleihen und zuverlässige Informationen liefern.

In Wahrheit verabschiedet man sich vom Grundgedanken des Mitmach-Netzes. Da überrascht es mich nicht, dass man dem Beispiel der deutschen Wikipedia-Macher folgt. Hier herrscht schon seit langer Zeit keine Demokratie der Geistreichen mehr, sondern eine Diktatur der Zeitreichen. Dies ist sehr schön nachzulesen im Buch von Christian Stegbauer „Wikipedia - Das Rätsel der Kooperation". Von einem freien Zugang könne beim Web-Lexikon keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons - mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen' bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen', die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen", so Stegbauer.

Statt „ermündende Diskussionen" mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt treffend Bernhard Steimel, Sprecher des Fachkongresses Voice Days plus: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden".

Die legendäre Encyclopédie von Denis Diderot war noch ein Projekt der Aufklärung. Sapere aude, so der Leitspruch, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und der Verstand legt es doch nahe, dass ein Medium wie Wikipedia nicht im mehr Mittelpunkt von Informationsrecherchen stehen sollte. Eine öffentliche Disputation wie mit den Encyclopédie-Autoren des 18. Jahrhunderts ist mit der anonymen Wikipedia-Gemeinde überhaupt nicht möglich. Da hat der Verfassungsrichter Udo di Fabio vollkommen recht, wenn er eine Manipulation der öffentlichen Meinung beklagt.

Der harte Kern der Wikipedia-Autoren sollte daher namentlich bekannt sein, um mit ihnen öffentlich disputieren zu können. Oder haben die Wikipedia-Oligarchen etwas zu verbergen? Für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist das nicht hinnehmbar. Wenn man die Urheberschaft von Informationen, die im Netz kursieren, relativ einfach verschleiern kann, bekommen Quellen wie Wikipedia einen okkultistischen Charakter.

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