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Die kreative Zerstörung und das Unerwartete – Innovationen sind nicht planbar

von Udo Nadolski

Technology Review-Blogger Niels Boeing sinniert über eine "Inventur der Innovation". Er verweist auf Überlegungen des Power-Goo-Entwicklers Kai Krause: Auf die Frage, welches Ereignis oder welche Entdeckung den weiteren Verlauf der Weltzivilisation drastisch verändern würde, antwortete er, alles habe sich schon drastisch verändert. Deshalb schlug er vor: „Lasst uns den Frieden und die Ruhe annehmen, die entstünden, wenn wir die [technischen] Dinge für eine Weile einfach so lassen, wie sie sind. Bringen wir sie erst einmal dem Rest dieses Planeten."

Für viele, so Boeing, sei Innovation längst zu einem Wert an sich geworden: Der elektrisch steuerbare Außenspiegel, die dritte Generation des iPhones oder ein Toaster mit Digital-Display gelten als Fortschritt, an dem Ingenieure hart gearbeitet haben, um uns das Leben leichter zu machen.“
Boeing spielt mit dem Gedankenexperiment eines "Freeze": Was würde passieren, wenn wir die vorhandene Technik für einige Jahre nicht weiter entwickeln (aber immer weiter produzieren können)? Und wenn wir diese Zeit für eine Inventur nutzen: Welche denkbaren Innovationen würden wir tatsächlich vermissen, welche existierenden entsorgen?

Würde die Zunahme des Datentransfers im Netz, die ja erst einmal nicht abreißt, dieses verlangsamen – oder kann die Bandbreite auch mit dem jetzigen Stand der Technik hochskaliert werden? Würden hochkomplexe Simulationsrechnungen in der Forschung irgendwann nicht weiter verfeinert werden können – oder lässt sich aus der heutigen Hardware bei cleverer Konfiguration noch viel mehr herausholen? Bricht die Wirtschaft, vollends zusammen, weil keine Extrarenten mehr generiert werden können - oder führt eine stagnierende Produktivität wieder zu mehr Nachfrage nach menschlicher Arbeit?

Könnten wir den notwendigen Übergang zu erneuerbaren Energien abschreiben – oder reichen die heutigen Technologien, wenn zugleich der Energieverbrauch drastisch reduziert wird? Würden uns dann entscheidende Durchbrüche in der Energieeffizienz fehlen – oder genügt Energieeinsparung, ja ist sie gar der wichtigere Ansatz? Worauf könnten wir gut verzichten, um uns mit dem Rest der Welt irgendwo in der Mitte zu treffen?

Boing geht mit seinen Fragen in die Irre. Innovationen sind keine planbaren und vorhersehbaren Ereignisse. Niemand kann sie steuern. Es gibt keine Hohepriester, die über das Wohl und Wehe des technologischen Wandels entscheiden. Wer sich mit Freeze-Szenarien auseinandersetzt, läuft Gefahr, einem Steuerungsmythos hinterher zu laufen. Manager, Politiker, Publizisten und Wissenschaftler sollten sich von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren: Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt den ständigen Prozess von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Ob wir uns das wünschen oder nicht. Innovationen lassen sich nicht stoppen.


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