Udo Nadolski

Geschäftsführer der Harvey Nash Deutschland

Archive2009

von Udo Nadolski

Immer wieder Google: Die Web-Supermacht rüstet weiter auf im Wettlauf um die digitale Vorherrschaft und schickt sich an, den lokalen Suchdienst Yelp zu übernehmen. „Der bietet Bewertungen von Restaurants und kleinen Geschäften, die äußerst beliebt sind. Google erhofft sich dadurch mehr Werbung von heimischen Geschäftsleuten im Netz“, berichtet Spiegel Online. Die Aussichten sind rosig, denn allein „im November hatte die Seite laut Comscore 8,9 Millionen Besucher“, so das Magazin. Eine weitere Säule, die das Imperium aus Mountain View trägt.

Gleichzeitig wächst die Angst vor Google & Co: Die Web-Unternehmen, so Kritiker, horten Berge von persönlichen Daten der Internet-Nutzer und verfügen über enorme Marktmacht. Anfang 2009 betrug der Google-Marktanteil bei Suchmaschinenanfragen weltweit über 80 Prozent. Aber wer überblickt schon alle Dienste, mit denen Google an unsere Daten und geheimsten Wünsche kommt? Wer hat mehr als eine vage Ahnung über die Abhängigkeiten, in die man geraten kann? Fragen, die der Web 2.0-Visionär und Autor Ibrahim Evsan in seinem aktuellen Buch „Der Fixierungscode“ aufgreift. Er selbst ist, so schreibt Evsan, „in Sachen Google ebenso hin- und hergerissen wie viele andere auch. Zum einen stellt dieses Unternehmen eine sehr ausgereifte Internetsuchmaschine und erstklassige Services zur Verfügung, zum anderen hat es mittlerweile eine solche Größe und Marktmacht erreicht, dass man schon fast von einem Monopol sprechen muss.“ Die Gefahr der Abhängigkeit und Einseitigkeit angesichts unbefriedigender Alternativen ist offenkundig, der moderne Mensch liegt an der Kette digitaler Möglichkeiten.

Keine Frage: Unter den Jüngeren hat das Internet den Fernseher schon verdrängt und Millionen Menschen sind über berufliche oder soziale Netzwerke im World Wide Web verbunden. Unser Computer ist unser Reisebüro, unsere Bank, unser Einkaufsberater, unser Freizeitgestalter, unsere Stereoanlage und unser Fernseher. Wir spielen, mailen, bloggen, twittern, und vor allem googeln wir, was das Zeug hält. Die Maschinen, die wir dazu benutzen, werden immer schöner, wir selbst sind zunehmend fixiert auf den digitalen Kosmos hinter unseren Endgeräten. Dort, so Evsans provokante These, könnte die Welt bereits unter den Internet-Giganten aufgeteilt sein, schließlich gebe es für jedes Bedürfnis, für jeden Markt bereits eine Supermacht. „Wenn dem so wäre, dann wäre Google die Informations-Supermacht, Amazon die Einkaufs-Supermacht, Facebook und MySpace wären die Social-Network-Supermächte. Monopolisten unseres digitalen Lebens.“

von Udo Nadolski

Wenige Tage vor Weihnachten scheinen die Deutschen noch einmal nachdrücklich unter Beweis stellen zu wollen, dass die Wirtschaftskrise den privaten Konsum alles andere als geschädigt hat in den letzten zwölf Monaten. Doch mindestens ebenso wichtig wie bloße Abverkaufszahlen sind Parameter, die Themen wie Kundenbindung, Loyalität und Zufriedenheit abbilden, denn das, was wir als Wirtschaftskrise bezeichnen, ist zum großen Teil bekanntlich eine Vertrauenskrise.

Eines steht mittlerweile offensichtlich fest: Erfolgreiche Unternehmen kümmern sich stärker um ihre Bestandskunden als weniger erfolgreiche Unternehmen. Das sagen 300 Führungskräfte deutscher Unternehmen anlässlich einer repräsentativen Umfrage im Rahmen des Excellence Barometers 2009. Dass es wichtiger ist, sich damit zu beschäftigen, wie man Kunden besser binden kann, befürworten 60 Prozent der erfolgreichen und 51 Prozent der weniger erfolgreichen Unternehmen, wobei sich bei letzteren 28 Prozent primär mit der Neukundengewinnung befassen, während dies nur 21 Prozent der erfolgreichen Unternehmen vorrangig tun. Für die übrigen Befragten sind beide Bereiche gleich relevant. „Natürlich ist auch das Neugeschäft wichtig, doch Unternehmen leben auf Dauer von ihren Wiederkäufern“, sagt dazu Anne M. Schüller, Expertin für Loyalitätsmarketing und Autorin mehrerer Fachbücher. „Das größte Vermögen, das ein Unternehmen besitzt, ist die Loyalität seiner Kunden.“

Was man landläufig gerne als Mundpropaganda bezeichnet und im Fachterminus Empfehlungsmarketing nennt, unterschätzen noch immer viele Unternehmen. Gleichwohl könnten sie mit einer Service-Offensive genau hier punkten. Wie klug es ist, seine treuen Kunden zu hegen und zu pflegen, zeigen imponierende Ergebnisse einer Sonderstudie zum Thema. So würden 57 Prozent der Befragten ihren bevorzugten Anbieter weiterempfehlen, während dies bei einer sporadischen Kundenbeziehung nur 27 Prozent tun. „Positive Mundpropaganda lässt sich am leichtesten aus dem Pool begeisterter Stammkunden generieren", erläutert die Expertin und Initiatorin der Studie. „Nur wer mit einem Anbieter dauerhaft gute Erfahrungen macht, wird ihn vehement weiterempfehlen. Dies zahlt sich doppelt aus, denn als glaub- und vertrauenswürdige Multiplikatoren übertrumpfen Empfehler jede klassische Werbung." Und mehr noch: Wer einem Anbieter treu verbunden ist, hilft ihm zu 94 Prozent über Reklamationen und zu 74 Prozent über die Teilnahme an Kundenbefragungen, besser zu werden. Für einen Anbieter, mit dem man nur hin und wieder zu tun hat, sind diese Zahlen deutlich niedriger: Sie betragen 77 respektive 41 Prozent.

Von Udo Nadolski

Es ist wie mit dem Schweizer Taschenmesser, dass nur als Korkenzieher oder Briefbeschwerer benutzt wird: Viele Funktionen sind unbekannt, etliche bleiben zeitlebens unbenutzt bei so manchem Gerät. Sind wir am Ende gar ein Volk von Technikfeinden? Oder können die modernen Alleskönner in Gestalt von Handy, Smartphone, Netbook, Notebook einfach zu viel? Oft genug verheddern wir uns zumindest im digitalen Dickicht.

Mobiltelefone beispielsweise leiden an Funktionalitis, bieten zu viele Funktionen für den Durchschnittsverbraucher. Das ist ein Ergebnis einer Studie zur Techniknutzung in Deutschland, die von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) durchgeführt wurde. Handys verfügen demnach über viel zu viele Funktionen, die kaum genutzt werden. Rund 70 Prozent der befragten Berufstätigen wünschen sich, so die Studie, ein schlichtes Handy ohne Zusatzfunktionen, mit dem man telefonieren und SMS verschicken kann. er Konsumentenwunsch nach Vereinfachung von Produkten und Dienstleistungen beschäftigt immer stärker die Strategien von Unternehmen und Wissenschaft, ein Phänomen, das der Zukunftsforscher Matthias Horx als das Herstellen des richtigen Maßes an Komplexität bezeichnet: als Rightsizing. Gefordert sind heute Benutzerfreundlichkeit - Usability - und Einfachheit, verständliche, intuitive Benutzerführung. Damit hätten Unternehmen auch mehr Erfolg im Verkauf.

John Maeda, Grafikdesigner, Medienkünstler und Dozent am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie Gründer des Simplicity-Consortiums, beschreibt in seinem Buch „Simplicity. Die zehn Gesetze der Einfachheit“ Strategien, die das tägliche Leben, aber auch die Entwicklung neuer, einfacher Produkte vorantreiben können. „Auf den Märkten wimmelt es von Einfachheitsversprechen“, schreibt Maeda - für ihn auch eine Folge eines Technik-Overloads: „Die verbreiteten Forderungen nach Einfachheit waren ein unvermeidlicher Trend, nachdem die Technologiebranche es darauf angelegt hatte, immer wieder die gleichen Dinge in ‚neuer und verbesserter’ Form zu verkaufen, wobei ‚besser’ oftmals einfach nur ‚mehr’ bedeutet.“ Als Beispiels für den Erfolg der Einfachheit nennt er den Siegeszug „des iPod von Apple, eines Geräts, das weniger kann und mehr kostet als andere digitale Musikabspielgeräte. Ein weiteres Beispiel ist die scheinbar karge Eingabemaske der Suchmaschine Google, die so beliebt ist, dass ‚googeln’ zum Synonym für eine Suche im World Wide Web wurde“, sagt Maeda.

Intuition scheint das Zauberwort. Intuitive Benutzerführung macht Komplexität handhabbar. „Die möglichst selbst erklärende und einfache Gestaltung der Benutzeroberfläche ist für eine im Virtuellen stattfindende Technologie zentral“, bestätigen die Autoren Sascha Lobo und Holm Friebe in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ mit Verweis auf die Nutzerfreundlichkeit von Webseiten: „Nirgends zeigt sich deutlicher als im Netz, dass Design und Usability, also Gestaltung und gute Benutzerführung, zusammengehören. Das Unternehmen, welches das Web 2.0 am stärksten geprägt hat, ist zugleich das Unternehmen mit der einfachsten Website: Google. Der viel gerühmte Minimalismus, nur das Allernötigste abzubilden, nämlich das Eingabefeld und den Suchknopf, hat mit seinem durchschlagenden Erfolg zu einer Renaissance der Einfachheit geführt. ‚Simplicity’ gilt bei Unternehmen im Netz nicht mehr als vergebene Umsatzschance. (…) Einfachheit in der Bedienung gewährleistet, dass mehr User eine Website besser nutzen können.“ Eine Studie des deutsch-amerikanischen Marktforschungsinstitutes Modalis Research bestätigt diese These, da sich bei Interneteinkäufen vorwiegend Onlineshops mit benutzerfreundlicher und verständlicher Navigation der Gunst der Käufer erfreuen.

Von Udo Nadolski

Der gute Philipp Lahm: Da wünscht man sich den mündigen Profi-Fußballer als Angestellten, der auch außerhalb des grünen Platzes unfallfrei mehr als Sportler-Plattitüden absondern kann; und wenn er sich dann herauswagt aus dem behüteten Bayern-Nest, ist auch das falsch. 50.0000 Euro soll er nun berappen für seine öffentliche Kritik an den Spielertransfers der letzten Jahre und dem Vorwurf der Strategielosigkeit beim Rekordmeister aus München.

In anderen Unternehmen gibt es Prämien für Verbesserungsvorschläge, mag mancher einwenden. Doch wer „die Kameradschaft verlässt“, wie es Altkanzler Kohl bisweilen gegenüber Abweichlern in der Partei formulierte, und sich in öffentlicher Kritik am eigenen Haus übt, beschädigt auch dessen Markenbildung - ganz gleich, ob das beim FC Bayern München oder dem Mittelständler an Rhein und Ruhr geschieht. Der Unterschied ist, dass der Fußball-Riese es ungleich leichter hat, gute (neue) Leute zu finden. Um dort zu arbeiten, bringt der geneigte Jung-Profi sogar noch Geld mit - wenn es denn gar nicht anders ginge. Dieses Image, die Anziehungskraft und Faszination, fehlt vielen Unternehmen.

Employer Branding wird bei vielen Betrieben noch unterschätzt. Um Leistungsträger zu locken, bedarf es heute mehr als der Stellenausschreibung mit „den üblichen Sozialleistungen und angenehmem Betriebsklima“, obwohl viele händeringend nach Fach- und Führungskräften suchen. „Wo der Konzern mit globaler Präsenz lockt, kann der Mittelständler schnelle und konzentrierte Erfahrung im Auslandsgeschäft bieten. Der hohen Produktbekanntheit stehen individualisierte High-End-Produkte einer traditionell gewachsenen Marke gegenüber“, schrieb dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zudem könne „man den mannigfaltigen Karrierewegen im Konzern ohne weiteres flache Hierarchien und eine überschaubare Organisation gegenüber stellen.“ Doch es braucht noch mehr: Benefits, Nebenleistungen, Bonusausschüttungen, Gesundheits- und Kinderbetreuungsprogramme, ab einem bestimmten Level auch ein Dienstwagen, Altersvorsorge, Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten gehören zum Paket, um als Arbeitgeber gefragt zu sein und Abwanderungstendenzen entgegen zu wirken. Weil immer mehr Arbeitnehmer ihre Work-Life-Balance zum Kriterium für ihren Arbeitsplatz machen, ist der Faktor Einkommen nicht mehr der einzig entscheidende. Das gilt besonders für Leistungsträger und High Potentials, für die ein positives Arbeitsumfeld und gutes Betriebsklima zählen.

von Udo Nadolski

„Wohlstand für alle“ lautet doch tatsächlich eine prägnante Kapitelüberschrift im Koalitionsvertrag von Union und FDP. Das weckt Erwartungen an den vermeintlichen Masterplan für Deutschland! Leider bleibt wohl eher der Pragmatismus Programm. Über 50 Jahre, nachdem Ludwig Erhards Standardwerk erstmals im Econ-Verlag publiziert wurde, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die bürgerliche Koalition tatsächlich auf ihn zurückbesinnt. Keine Frage: Erhards klare Ideen haben das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik nachhaltig geprägt, in deren Kern die Erkenntnis stand, dass erst eine erfolgreiche und wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik die Grundlagen für effektive Sozialpolitik sein kann. Schon damals erkannte er, dass ein überbordender Sozialstaat die Leistungsbereiten demotiviert und wirtschaftliche Aktivität lähmt. Der Abbau des Versorgungsstaates und der vielgliedrigen Subventionssysteme, die Stärkung des Wettbewerbs und der persönlichen Freiheit waren für ihn unabdingbar. Was Merkel, Seehofer und Westerwelle in diesem Punkt unterzeichnet haben, könnte mutiger wirken, auch in Sachen Steuervereinfachungen.

Noch vor vier Jahren hatte insbesondere die Union die erhard’sche Melodie für sich wieder entdeckt und neu aufgelegt, aber um ein Haar die Regierungsbeteiligung verpasst. Haben wir jetzt tatsächlich den schwarz-gelben Restart der Sozialen Marktwirtschaft zu erwarten? Oder werden, verpackt in stilistisch untadelige Worthülsen, Klientelbedürfnisse und Wahlkampfversprechen bedient, Parteiflügel besänftigt und Probleme in Neben-Gremien und Arbeitsgruppen verlagert? Vieles wird erst die Regierungspraxis zeigen. Fest steht aber: Die Regierung Merkel II verwundert schon beim Start. Während in den eigenen Reihen das Murren beginnt, weil Wettbewerb, Freiheit und Marktwirtschaft für viele zu kurz kommen, sind die Sozialstaatsromantiker des linken Lagers überrascht darüber, dass der vorhergesagte soziale Kahlschlag ausbleibt, untere Einkommen entlastet und Bildungsinvestitionen erhöht, der Bildungsarmut der Kampf angesagt, neue Stipendienprogramme ins Auge gefasst werden.

Stichwort Bildungsrepublik: In diesem Abschnitt des Koalitionsvertrags, so kommentiert der frühere Leiter des Elite-Internats Schloss Salem, Bernhard Bueb, in der Rheinischen Post, fällt auf, „dass der Vertrag konkrete, inhaltliche Aussagen, wie man die Ziele und Grundsätze verwirklichen kann, vermeidet. Es fällt kein Wort zur Ganztagsschule, zum dreigliedrigen Schulsystem, zum Selbstverständnis der Lehrer, zu ihrer Aus- und Fortbildung, zu ihren Arbeitsbedingungen.“ Das ist nach Ansicht des Pädagogen den ausgeprägten föderalen Strukturen Deutschlands geschuldet. Denn Bildung ist nun einmal Ländersache. Bestenfalls müsse der Bund selber in die Staatskasse greifen, um die Länder zu Reformen im Bildungssektor zu bewegen. „Konkretere Aussagen werden zur Finanzierung gemacht, weil das Angebot von Geld mit Bedingungen der einzige Weg ist, auf dem die Bundesregierung Einfluss nehmen kann“, so Buebs Prognose. Leider, so möchte man ergänzen, kann der Bund aber angesichts leerer Kassen den mächtigen Ministerpräsidenten genau dies nicht anbieten.

von Udo Nadolski

Leben wir tatsächlich alle in Schilda, der legendären Heimat der Schildbürger, die, so die Erzählung, beim Bau ihres neuen Rathauses beispielsweise die Fenster vergaßen? Der Eindruck drängt sich leider auf beim Blick in den deutschen Blätterwald und die ihn durchwehende Schelte des Steuerzahlerbundes für Politik und Verwaltungen, die sich im aktuellen Schwarzbuch finden.

„Ein Staat sollte alle die Dinge tun, für die man ihn braucht und für die man ihn geschaffen hat“, sagt der liberale Nationalökonom Ludwig von Mises. Zweifellos eine Deutung, die Auslegungen nach dem persönlichen Gusto des jeweiligen Interpreten zulässt, doch von Mises präzisiert seine Ansicht mit wenigen Worten, die er heute bestenfalls zeitgemäß anpassen, aber niemals infrage stellen würde: „Der Staat sollte innerhalb seiner Grenzen die Bürger vor gewaltsamen und betrügerischen Angriffen von Verbrechern schützen und das Land gegen Feinde von außen verteidigen. Das sind die Aufgaben eines Staates in einem freien, marktwirtschaftlichen System.“ Ob man aber in der Eifel-Provinz den Nürburgring zum Vergnügungspark mit Highspeed-Achterbahn ausbauen muss, in Sachsen-Anhalt eine Modenschau für Nutztiere braucht oder sich die ohnehin gebeutelte HSH Nordbank eine stilvolle Motorjacht gönnen sollte? Die milliardenschweren Fehlleistungen der öffentlichen Hand sind beachtlich und müssen endlich sanktioniert werden - auch vor dem Hintergrund, dass die schwarz-gelben Sparkommissare in Berlin derzeit kaum wissen, wo sie tatsächlich signifikante Erfolge erzielen können. Karl-Heinz Däke, der Präsident des Bundes der Steuerzahler, gleicht bei alledem der Hauptfigur des US-Films „Und täglich grüßt das Murmeltier“, der immer und immer wieder den gleichen Arbeitstag erlebt. Auf rund 30 Milliarden Euro beziffert der Bund der Steuerzahler die aktuell verzeichneten Schildbürgerstreiche des 21. Jahrhunderts.

Nur zu gerne zeigte die Politik in den letzten zwölf Monaten auf das Versagen von Bankern und Wirtschaftsführern angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise. Nun muss sie sich selbst unbequeme Fragen stellen lassen, nach Moral, nach Sinnhaftigkeit, nach Werten, nach ethischen Grundsätzen. Denn Ethik wurde von Wilhelm Röpke, einem der Väter unserer marktwirtschaftlichen Ordnung, als „der zentrale Anker der Sozialen Marktwirtschaft“ angesehen und hervorgehoben. Dazu gehört aber auch, dass alle staatlichen Ebenen die Notwendigkeit und die tatsächlichen Effekte ihrer Ausgaben auf den Prüfstand stellen. Auch das könnte Bestandteil eines Regierungsprogramms der Bundeskanzlerin sein, das sich die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler in einer Kolumne für Welt Online wünscht: „In dieses Programm gehört die Freischaltung des wachstumsstärksten Konzerns im Lande, der Gesundheitswirtschaft; dazu gehören Brücken in die Arbeitswelt für alle, die durch Subventionen entmachtet sind. Das gehört zum Thema Bildung, wo endlich in Qualität statt in Kosten gedacht werden sollte. Dazu gehört auch der gnadenlose Blick unbestechlicher Kontrolleure auf die Staatsausgaben, die jedes Jahr im Schwarzbuch der Verschwendung auftauchen und nur einen Zeitungstag erleben. An die Stelle des Fahnders muss der leistungsfreundliche Staat treten. Der Staat gehört nämlich den Bürgern, nicht die Bürger dem Staat.“

Medienberichten zufolge führt die englischsprachige Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia redaktionelle Kontrollen unter der Bezeichnung „Flagged Revisions" ein. In Zukunft sollen Artikel zu lebenden Personen für die Nutzer nur noch eingeschränkt editierbar sein. Wie offizielle Vertreter der Wikimedia Foundation in San Francisco verlauten ließen, werden die Beiträge und Änderungen zunächst von „erfahrenen freiwilligen Redakteuren" gegengelesen, bevor sie endgültig online gehen. Vordergründig wolle die Wikipedia-Führung den Einträgen mehr Seriosität verleihen und zuverlässige Informationen liefern.

In Wahrheit verabschiedet man sich vom Grundgedanken des Mitmach-Netzes. Da überrascht es mich nicht, dass man dem Beispiel der deutschen Wikipedia-Macher folgt. Hier herrscht schon seit langer Zeit keine Demokratie der Geistreichen mehr, sondern eine Diktatur der Zeitreichen. Dies ist sehr schön nachzulesen im Buch von Christian Stegbauer „Wikipedia - Das Rätsel der Kooperation". Von einem freien Zugang könne beim Web-Lexikon keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons - mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen' bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen', die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen", so Stegbauer.

Statt „ermündende Diskussionen" mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt treffend Bernhard Steimel, Sprecher des Fachkongresses Voice Days plus: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden".

Die legendäre Encyclopédie von Denis Diderot war noch ein Projekt der Aufklärung. Sapere aude, so der Leitspruch, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und der Verstand legt es doch nahe, dass ein Medium wie Wikipedia nicht im mehr Mittelpunkt von Informationsrecherchen stehen sollte. Eine öffentliche Disputation wie mit den Encyclopédie-Autoren des 18. Jahrhunderts ist mit der anonymen Wikipedia-Gemeinde überhaupt nicht möglich. Da hat der Verfassungsrichter Udo di Fabio vollkommen recht, wenn er eine Manipulation der öffentlichen Meinung beklagt.

Der harte Kern der Wikipedia-Autoren sollte daher namentlich bekannt sein, um mit ihnen öffentlich disputieren zu können. Oder haben die Wikipedia-Oligarchen etwas zu verbergen? Für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist das nicht hinnehmbar. Wenn man die Urheberschaft von Informationen, die im Netz kursieren, relativ einfach verschleiern kann, bekommen Quellen wie Wikipedia einen okkultistischen Charakter.

von Udo Nadolski

Erfreulicherweise ist nach einem Bericht der FAZ die Verhaltensökonomik auf dem Vormarsch. „Die Ergebnisse der Experimentalökonomen zeigen den Menschen von seiner allzu menschlichen Seite: Er ist von Gefühlen und Neigungen, nicht allein von der Ratio bestimmt. Neben dem Streben nach Eigennutz gibt es auch andere Motive, die sein Handeln leiten: Altruismus, Fairness- und Gerechtigkeitserwägungen“, schreibt die FAZ. Das Ziel der Verhaltensökonomik sei, eine allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens zu finden. Die Demontage der neoklassischen Theorie ist überfällig. Sie geht immer noch vom „Homo oeconomicus" aus, der sich strikt rational und eigennützig verhält. Die derzeitige Krise müsste jetzt eigentlich dazu beitragen, diese Rationalitätshypothese schnell aus der Welt zu schaffen. Die Ökonomieprofessoren George Akerlof und Robert Shiller haben in ihrem Buch „Animal Spirits – Wie Wirtschaft wirklich funktioniert” (Campus Verlag) die richtigen Akzente gesetzt. Sie grenzen sich vom simplen Machbarkeitsglauben vieler Wirtschaftswissenschaftler ab.

Unternehmer und Verbraucher sind keine emotionslos kalkulierenden Roboter, wenn sie sich von Moden, Gruppendruck und Massenhysterie beeinflussen lassen. Deshalb kann das ständige Auf und Ab der Wirtschaftskonjunktur nur ungenügend durch makroökonomische Maßnahmen gesteuert werden. Akerlof und Shiller holen den Faktor „Ungewissheit” wieder zurück in die Volkswirtschaftslehre, die immer noch glaubt, dass die Wirtschaft berechenbar sei und sich mehr dafür interessiert, an mathematischen Formeln zu feilen und die Beobachtung der Realität vernachlässigt.

Das war bei den ordoliberalen Wirtschaftsdenkern ganz anders. Sie haben die angelsächsisch geprägte Mathematikgläubigkeit nie geteilt. „Aber genau diese Ökonomie wurde an den europäischen Universitäten ausgetrocknet“, kritisiert Dr. Gerhard Schwarz von der NZZ. Während Modellschreinerei sowie das Zählen, Messen und Berechnen von Korrelationen Reputation und eine akademische Karriere versprechen, friste die Ordnungstheorie ein Dasein in den Elendsvierteln der Nationalökonomie. Dabei könnten wir ein Denken in Ordnungen gerade jetzt gebrauchen. Denn diese Wirtschaftstheorie widersteht dem Glauben an einer präzisen Vorhersagbarkeit und Steuerbarkeit der Wirtschaft. Die ordoliberale Sichtweise war immer viel breiter angelegt. „Sie hat Geschichte und Psychologie, Recht und Philosophie bis hin zur Theologie in die Analyse der Wirtschaft mit einbezogen, also nie nur Ökonomie betrieben. ‚Marktwirtschaft ist nicht genug’, wie der treffende Titel einer eben erschienenen Sammlung mit Aufsätzen von Wilhelm Röpke lautet“, so Schwarz.
Vielleicht sollten wir auch wieder stärker die Klassiker der Marktwirtschaft etwas genauer studieren.

Der heute in Ungnade gefallene Begründer der marktwirtschaftlichen Idee, Adam Smith, war davon weit entfernt, eine einseitige Wirtschaftstheorie zu formulieren: Er war Moralphilosoph, politischer Ökonom, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Rechtstheoretiker, Geschichtsphilosoph, Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Kunsttheoretiker. Also alles andere als ein Fachidiot, der sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckt, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können.

von Udo Nadolski

Technology Review-Blogger Niels Boeing sinniert über eine "Inventur der Innovation". Er verweist auf Überlegungen des Power-Goo-Entwicklers Kai Krause: Auf die Frage, welches Ereignis oder welche Entdeckung den weiteren Verlauf der Weltzivilisation drastisch verändern würde, antwortete er, alles habe sich schon drastisch verändert. Deshalb schlug er vor: „Lasst uns den Frieden und die Ruhe annehmen, die entstünden, wenn wir die [technischen] Dinge für eine Weile einfach so lassen, wie sie sind. Bringen wir sie erst einmal dem Rest dieses Planeten."

Für viele, so Boeing, sei Innovation längst zu einem Wert an sich geworden: Der elektrisch steuerbare Außenspiegel, die dritte Generation des iPhones oder ein Toaster mit Digital-Display gelten als Fortschritt, an dem Ingenieure hart gearbeitet haben, um uns das Leben leichter zu machen.“
Boeing spielt mit dem Gedankenexperiment eines "Freeze": Was würde passieren, wenn wir die vorhandene Technik für einige Jahre nicht weiter entwickeln (aber immer weiter produzieren können)? Und wenn wir diese Zeit für eine Inventur nutzen: Welche denkbaren Innovationen würden wir tatsächlich vermissen, welche existierenden entsorgen?

Würde die Zunahme des Datentransfers im Netz, die ja erst einmal nicht abreißt, dieses verlangsamen – oder kann die Bandbreite auch mit dem jetzigen Stand der Technik hochskaliert werden? Würden hochkomplexe Simulationsrechnungen in der Forschung irgendwann nicht weiter verfeinert werden können – oder lässt sich aus der heutigen Hardware bei cleverer Konfiguration noch viel mehr herausholen? Bricht die Wirtschaft, vollends zusammen, weil keine Extrarenten mehr generiert werden können - oder führt eine stagnierende Produktivität wieder zu mehr Nachfrage nach menschlicher Arbeit?

Könnten wir den notwendigen Übergang zu erneuerbaren Energien abschreiben – oder reichen die heutigen Technologien, wenn zugleich der Energieverbrauch drastisch reduziert wird? Würden uns dann entscheidende Durchbrüche in der Energieeffizienz fehlen – oder genügt Energieeinsparung, ja ist sie gar der wichtigere Ansatz? Worauf könnten wir gut verzichten, um uns mit dem Rest der Welt irgendwo in der Mitte zu treffen?

Boing geht mit seinen Fragen in die Irre. Innovationen sind keine planbaren und vorhersehbaren Ereignisse. Niemand kann sie steuern. Es gibt keine Hohepriester, die über das Wohl und Wehe des technologischen Wandels entscheiden. Wer sich mit Freeze-Szenarien auseinandersetzt, läuft Gefahr, einem Steuerungsmythos hinterher zu laufen. Manager, Politiker, Publizisten und Wissenschaftler sollten sich von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren: Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt den ständigen Prozess von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Ob wir uns das wünschen oder nicht. Innovationen lassen sich nicht stoppen.

Google Wave und Strategien gegen den Netzwerkstress

von Udo Nadolski

Die Studie „Kollaborieren oder kollabieren“ Team-Collaboration von Mind Business Consultants geht der Frage nach, ob sich die aktuellen IT-Werkzeuge für die Projektarbeit eignen. „Wissensarbeiter fühlen sich von den ihnen zur Verfügung gestellten Arbeitsmitteln nicht ausreichend unterstützt: Für 84 Prozent der befragten Entscheider aus Großunternehmen und Dienstleistungsbranchen wird der Büroalltag stressiger. Die Erledigung der wichtigsten Aufgaben kommt bei 73 Prozent der Befragten zu kurz. Emails, Meetings und unwichtige Aufgaben sind die wichtigsten ‚Zeit-Killer’“, stellt Mind-Geschäftsführer Bernhard Steimel fest. Klassische Kommunikationsplattformen wie MS Outlook, Excel oder Project eigneten sich nur eingeschränkt als Kollaborationstools.

„Auch Intranets und Wikis unterstützen nicht für alle Befragten optimal das Wissensmanagement im Unternehmen. Dokumenten-Management ist in vielen Unternehmen noch ein Fremdwort, nur jedes vierte Unternehmen setzt es ein“, fasst Steimel die Befragungsergebnisse zusammen. „Echte“ Tools für die Kollaboration wie MS Sharepoint werden nur von 29 Prozent der Befragten genutzt. Aber knapp 90 Prozent geben zu Protokoll, dass solche Tools die Zusammenarbeit verbessern könnte. „Sie sollen durch attraktive, intuitive und leicht zu bedienende Nutzerschnittstellen die Informations-, Kommunikations- und Kooperations- sowie Koordinationsprozesse entschlacken, beschleunigen und wertschöpfender gestalten“, erklärt Medienberater Stefan Simons von Projektkomplex.net.

Solche Lösungen sollten das Management unterstützen, jeweils den aktuellen, „synchronen“ Projektstatus zu identifizieren, Aufgaben zu verteilen, ihre Erledigung zu verfolgen und das Geleistete zu dokumentieren. Auf diesem sehr wichtigen Feld hat Google mit dem neuen Tool Wave Google wave wohl wieder den richtigen Riecher. Es ist eine Art Konversation, zu der bestimmte Leute eingeladen werden und über Instant Messaging in Echtzeit kommunizieren, gleichzeitig aber ebenfalls in Echtzeit Dokumente wie Links, Bilder, Videos, Text, Maps, Feeds und viele andere Dinge hinzufügen und bearbeiten können: Kommunikation und Kollaboration in Perfektion.

Google sieht Wave als dreigeteiltes Produkt, dessen Code als Open Source etabliert wird. Sehr klug von Google. Der Client ist als typische Webapplikation konzipiert, um auf möglichst vielen unterschiedlichen Endgeräten inklusive iPhone und Android-Handy laufen zu können. Eine Plattform mit einer Vielzahl von offenen Entwicklerschnittstellen, um die Funktionalität stark ausweiten und anpassen zu können. Ein Protokoll, das für die Basisfunktionalität wie etwa die Steuerung der Echtzeitkollaboration zuständig ist. Damit hat Google einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht und untermauert seinen Ruf als Innovationsmaschine. Und so wird klar, wenn Experten fragen, was nach Google kommen wird: Natürlich Google.

von Udo Nadolski

Das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute prognostiziert für 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von sechs Prozent. Prompt posaunen die Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer Hiobsbotschaften in die Welt und warnen vor sozialen Unruhen. Der DGB-Chef Sommer wagt zudem einen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Schwan und Sommer handeln fahrlässig. Siehe auch folgende Meldung: http://www.pr-inside.com/de/wir-wissen-heute-besser-wie-man-r1204225.htm

Ein Vergleich mit der Wirtschaftsdepression der Weimarer Republik ist unsinnig, höchst unseriös und für die Menschen der damaligen Zeit, die Not, Hunger und Elend durchmachten, eine Beleidigung. Wir müssen uns sicherlich auf härtere Zeiten einstellen, leben aber immer noch auf einem Wohlstandsniveau, von dem man vor rund 80 Jahren nur träumen konnte. Die Veränderungsraten des Bruttoinlandsproduktes sind kein geeigneter Indikator, um die Qualität einer Volkswirtschaft zu beurteilen. Wir müssten schon um rund 90 Prozent schrumpfen, um in eine ähnliche Lage wie nach dem Schwarzen Freitag zu geraten.

Davon kann aber keine Rede sein. Selbst wenn wir zurückgeworfen werden auf das Wohlstandniveau von 2005 oder 2006, können wir den Wirtschaftseinbruch sehr gut verkraften. Darüber hinaus haben wir es selber in der Hand, die Kassandra-Prognosen der hochbezahlten Konjunkturforscher zu widerlegen. Das dürfte auch kein schwieriges Unterfangen sein, da sie in den vergangenen Jahren regelmäßig daneben gegriffen haben. Warum sollte es diesmal anders sein. Vielleicht sollten es die Ökonometriker mal mit einer Glaskugel versuchen, um valide Konjunkturdaten zu erstellen und für weniger Unruhe im wirtschaftspolitischen Diskurs zu sorgen.

Der Staat macht sich wieder zur Beute

von Udo Nadolski

Wiwo-Chefredakteur Roland Tichy http://www.wiwo.de/blogs/chefsache/2009/03/14/der-staat-als-beute/ hat dankenswerter Weise auf einen historischen Fehler verwiesen, der sich in der Krisenbewältigung von Merkel &. Co wiederholt. „Der Staat wird zur Beute“, warnte schon der liberale Ökonom Alexander Rüstow vor mehr als 70 Jahren im „Deutschen Volkswirt“, dem Vorgängerblatt der WirtschaftsWoche. In diesen Tagen sei ein dialektisches Umschlagen zu beobachten: „In den ersten Monaten der Finanzkrise hat sich der Staat in eine machtvolle Position teils aufgeschwungen, teils wurde er hineingezwungen. Jetzt schlägt die neu erworbene Macht in Schwäche um, wird der Staat zur Beute, freigegeben zur Plünderung und zum Ausnehmen“, schreibt Tichy. Gerade musste Deutschland den französischen Forderungen nachgeben und hinnehmen, dass jedes Mitgliedsland für Hotel, Handwerk und Gastgewerbe zukünftig die Mehrwertsteuer absenken darf. „Man sieht schon die vielen gierigen Hände in die Kasse greifen – warum nicht gleich null Prozent für Kerzen wie in Irland, für Fahrradhelme und Zeitungen wie in Großbritannien (Letzteres befürworte ich persönlich gegen meine ordnungspolitischen Grundsätze aus nachvollziehbaren Gründen); warum für Medikamente den vollen Mehrwertsteuersatz zahlen und nicht wie bei Hundefutter den halbierten Satz“, fragt sich der Wiwo-Chefredakteur.

Natürlich sollen und müssen die Steuern gesenkt werden. Wenn den Bürgern mehr Netto vom Brutto bleibt, würde das der Konjunktur mehr helfen als Abwrackprämie, Subventionen für Autos und einzelne Autohersteller oder Geld für die Bauindustrie. „Aber wenn die knappen Mittel der Interessengruppe, die sich gerade am lautesten gebärdet, als Beute vorgeworfen werden, dann ist der Schaden für uns alle unermesslich. Denn schon heute steht fest: Langfristig schlägt der augenblickliche Stärkezuwachs des Staates schon deshalb in eine Schwäche um, weil irgendwann die Schulden bezahlt werden müssen“, erklärt Tichy.

Was wir jetzt erleben ist ein durchsichtiges Krisen-Trittbrettfahrertum. So bettelt die Bundesagentur für Arbeit mit ganzseitigen Anzeigen in Tageszeitungen unter dem Titel „Mit Kurzarbeit die Krise meistern“, http://www.bmas.de/coremedia/generator/31222/a843__Flyer__kurzarbeit.html förmlich um die Inanspruchnahme von Staatsleistungen. „Mit dem Konjunkturpaket II wird der Bezug von Kurzarbeitergeld wesentlich erleichtert und noch umfassender gefördert. Wer seine Belegschaft in der Phase der Kurzarbeit qualifiziert, den unterstützt die Bundesagentur für Arbeit nun zusätzlich. Das ist gut für Unternehmen und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ob kleiner Handwerksbetrieb, Online-Agentur oder Großkonzern: Mit Kurzarbeit und Qualifizierung lassen sich Auftragseinbrüche ohne Entlassungen überbrücken und das bis zu 18 Monate lang“, so der Anzeigentext. Die Trittbrettfahrer der Wirtschaftskrise könnten sich eine bessere Steilvorlage gar nicht vorstellen.

von Udo Nadolski

In einigen Beiträgen bin ich auf die fatale Wirkung der Krisen-Alchimisten auf die wirtschaftliche Entwicklung eingegangen. In der März-Ausgabe der Zeitschrift brandeins kann man sich argumentativ rüsten gegen das öffentliche Untergangsgemurmel. Siehe unter anderem den Artikel von Wolf Lotter: Der Sturm und die Windmühlen

Dort können Sie auch meine Stellungnahme nachlesen:
Davon ist auch Udo Nadolski, Deutschland-Geschäftsführer der IT-Beratung Harvey Nash, überzeugt. Das Unternehmen ist - in Zeiten wie diesen - auf Expansionskurs. "Die Krise ist die Grundlage für weitere Erfolge. Wann sonst soll man denn nun ausnutzen, dass man es besser kann als andere?", fragt Nadolski - und gibt sich selbstbewusst die Antwort gleich selbst: "Wir sehen etwa, dass Mitbewerber Trends und Technologien pessimistisch eingeschätzt haben, sich nicht getraut haben, auf zukunftsfähige Prozesse zu setzen. Aber wenn ich sage, alles ist schlecht, ohne dass ich in der Lage bin, es verändern zu wollen, dann habe ich natürlich keine Zukunft." In aller Bescheidenheit, darauf besteht Nadolski, möge man das verstehen. Als Mittelstandstugend. Der Mittelstand, die kleinen Unternehmer sind nicht verkopft und analyseverliebt. Sie lösen Probleme. Für Kunden.

von Udo Nadolski

Die Schaffung von zentralen Vergabestellen beim Bund und die zunehmende Bündelung von Verträgen sind eine politische Erklärung, wie sich das Beschaffungswesen in Deutschland aufstellt. Der Bund schließt Rahmenvereinbarungen im großen Stil ab, bei dem der Mittelstand oder gar kleine Unternehmen meist keine Chance haben. Die öffentliche Verwaltung kauft häufig Leistungen und Produkte zu einem Preis bei Großunternehmen ein, den kleine und mittlere Unternehmen einfach nicht bieten können. Und so wird die anstehende Novellierung wieder keine Stärkung des Mittelstandes in Deutschland bringen.

Eine wirkliche Entbürokratisierung des Vergaberechts bleibt aus. So sind juristisch höchst umstrittene Kriterien wie Ortsansässigkeit oder Tariftreue eindeutig vergabfremde Aspekte, es dürften nur bieterbezogenen Kriterien wie Fachkunde, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit bei der Auftragsvergabe beachtet werden. Auch die Tatsache, dass die Vergaberichtlinien für das Konjunkturpaket II gelockert wurden, die Schwellenwerte angehoben und freihändige Vergaben leichter durchzuführen sind, ist ein Schnellschuss. Das Gebot der Transparenz müsse auch oder gerade in konjunkturschwachen Zeiten oberste Priorität haben. Die Begründung, einen schnellen Abfluss des Geldes sicherstellen zu wollen, hätte auch dadurch erreicht werden können, das Fristen der Verfahren zu verkürzen.

Das Bundesministerium für Wirtschaft sollte sich der wirklichen Probleme annehmen, die den Unternehmern in Deutschland Sorgen bereiten. Schließlich ist der Staat der größte Einkäufer des Landes und garantiert auf dem Papier einen vermeintlich fairen Wettbewerb, den es in der Praxis nicht gibt und den leider auch die Novellierung des Vergaberechts nicht schaffen wird.

von Udo Nadolski

Bürokratie und staatliche Regulierungen werden nach der Umfrage des Deutschen Mittelstandsbarometers http://www.fmw-online.com/dmb_2008_ub.html immer noch als größte Bürde für das Unternehmerdasein empfunden. Mittelständler müssten in Deutschland derzeit rund 10.500 deutsche und europäische Informationspflichten erfüllen. Zwar habe die Bundesregierung ein neues Programm aufgestellt, das durch 24 Vorhaben die mittelständischen Unternehmen um 100 Millionen Euro entlasten soll, trotzdem sinkt die Bewertung der Rahmenbedingung jährlich nur sehr zögerlich. „Durch unnötige Bürokratie wird vor allem das Wachstum der Klein- und Mittelunternehmen eingeschränkt; denn sie kostet viel Zeit und Geld und bremst damit die wirtschaftliche Betätigung. Hier könnte der Small Business Act der EU-Kommission helfen. Durch dieses Hilfspaket soll die Bürokratie abgebaut werden und insbesondere für Kleinunternehmen sollen bis 2010 administrative Auflagen reduziert werden, damit die Kosten um ein Viertel sinken", so die Analyse des Mittelstandsbarometers. Durch die Einführung des Nationalen Normenkontrollrates lasse die Bundesregierung zwar die Bürokratiekosten messen, aber auch diese Maßnahmen spüren die Mittelständler in ihrem alltäglichen Geschäft nicht.

Wie schwer sich die Verwaltung mit dem Thema Bürokratieabbau tut, belegt der Bürokratieabbau-Bericht, der dem Bundeskabinett im Dezember 2008 vom zuständigen Staatsminister im Bundeskanzleramt, Hermann Gröhe, vorgelegt wurde. In einem Behördenspiegel-Interview zu dem Thema verkündet Gröhe, dass nachdem die mehrjährige Messungen der Bürokratiebelastungen bei der Wirtschaft abgeschlossen sind, nun die Messung bei den Bürgern beginnt. Wie lange diese nun dauern werden, ist anscheinend nicht klar. Völlig absurd ist, dass an der einen Stelle der Versuch unternommen wird, Verfahren zu verschlanken, um an der anderen Stelle wieder kräftig draufzulegen. Während die Einführung des elektronischen Personalausweises für die Identitätsprüfung beim Geldwäschegesetz Einsparungen bringen soll, wird das Vergaberecht künstlich aufgeblasen und so noch komplizierter und für Unternehmen schwieriger zu handhaben, als es jetzt schon der Fall ist. Die Messung von Bürokratie bedeutet eben noch lange nicht, dass aus den – oft erschreckenden Ergebnissen - auch flächendeckend intelligente Maßnahmen resultieren. Die Bestandsaufnahme ist nur ein erster Schritt, im Fall des Bundes ein höchst schwerfälliger. Um wirklichen Nutzen für Bürger und Wirtschaft zu erzielen, müssten alle Ressorts am grünen Tisch sitzen und Abschied davon nehmen, oft nur sich selbst zu verwalten.

Der FAZ-Wirtschaftsredakteur Philip Plickert hat einen bemerkenswerten Beitrag über die Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre unter dem Titel „Gefangen in der Formelwelt" geschrieben. Er korrespondiert mit meiner Kritik an den makroökonomischen Zahlendrehern, die zur Zeit mit düsteren Prognosen die Medienwelt beherrschen. Nach Erkenntnissen von Plickert wachse allerdings das Unbehagen an der Mathematisierung. So erinnert der Soziologe und Ökonom Viktor Vanberg von der Universität Freiburg an den Massenprotest französischer Studenten vor einigen Jahren, die sich gegen eine „autistische Ökonomik" wandten. Die mathematische Formalisierung sei Selbstzweck geworden, beklagten sie. Es würden imaginäre Welten modelliert, die mit ihrer Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemein hätten. Noch härter drücke es der Theoriegeschichtler Mark Blaug aus: „Die moderne Ökonomik ist krank." Sie sei zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt werde, aber nur wenig praktische Bedeutung für das Verständnis der Welt liefere. Nach Ansicht des Nobelpreisträgers Ronald Coase sei die Ökonomik nur noch ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht. Die Volkswirtschaftslehre ist mittlerweile mathematischer als naturwissenschaftliche Disziplinen. Teilweise wird das Fach von Konvertiten aus der Mathematik bevölkert, die uns mit naiven Ceteris-paribus-Klauseln die Welt erklären wollen.

„Die formale Eleganz und scheinbare Genauigkeit der mathematischen Ökonomik übten aber auf viele Wissenschaftler eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaffte sie in Amerika einen Durchbruch, für den berühmte Namen wie Kenneth Arrow, Gérard Debreu und auch Paul Samuelson stehen. Diese bauten die ökonomische Wohlfahrtstheorie aus, die behauptete, ein soziales Optimum der wirtschaftlichen Allokation sei mit mathematischer Logik voraussagbar und sogar planbar. Auch in der Makroökonomik, welche die Schüler von Keynes vorantrieben, herrschte der Glaube an die Steuerbarkeit von Konjunktur und Wachstum vor. Folglich erlebte die ökonomische Politikberatung einen Aufschwung, der die Wirtschaftsfachleute in eine gesellschaftliche Schlüsselrolle brachte und ihr Selbstbewusstsein steigerte", so der Wirtschaftshistoriker Philip Plickert, der darauf hinweist, dass diese Denkschule in Deutschland zunächst keine Relevanz hatte. Die Soziale Marktwirtschaft entstand vor allen Dingen durch die Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm. Ihr Credo war das „Denken in Ordnungen". Wirtschaft, Recht und Gesellschaft müssten in ihrer Interdependenz betrachtet werden. Ordoliberale Ökonomen wie Wilhelm Röpke hatten ein reges Interesse an Soziologie und dachten intensiv über die außerökonomischen Voraussetzungen einer funktionierenden Marktwirtschaft nach.

„Die mathematisch-formale Ökonomik lehnten sie ab, da sie ihnen zu mechanisch erschien", weiß Plickert. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sah das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft nicht als wissenschaftlich-empirisches Modell. Erhard und seine ordoliberalen Berater begriffen Wirtschaftspolitik als Staatskunst. Sie war der dynamische Kern der deutschen Innenpolitik und begründete auch das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik. Die Soziale Marktwirtschaft entstand nicht als theoretische Formel, sondern als politische Konfession. Von dieser Raison der politischen Ökonomie zehren wir noch heute, obwohl die Praxis der marktwirtschaftlichen Politik mittlerweile von ideenlosen Zahlendrehern und Technokraten dominiert wird.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Er forderte seine Zunft zu mehr Demut auf und kritisierte die „Anmaßung von Wissen". Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten. „Die in Deutschland einst stark repräsentierte Ordnungsökonomik ist mittlerweile weitgehend verschwunden, seit an den Universitäten mehr und mehr Lehrstühle für Wirtschaftspolitik geschlossen oder der mathematisch orientierten Richtung umgewidmet wurden", erläutert Plickert. Entsprechend schlecht ist die Politikberatung bei wirtschaftlichen Fragen. Nachfolger für Röpke, Eucken oder Müller-Armack sind leider nicht in Sicht. Das sollten die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten schnell ändern und wieder stärker ordnungspolitisches Wissen vermitteln.

Den interessanten Plickert-Artikel finden Sie hier.