Damian Sicking und die archaische Verehrung des Industriekapitalismus
In einem offenen Brief an den Venture-Capital-Unternehmer Dr. Gottfried Neuhaus reibt sich der Heise-Kolumnist Damian Sicking an einer allzu optimistischen Betrachtung des Dienstleistungssektors. Er verweist auf die Blütenträume der New Economy. Die damaligen Verheißungen vom Wandel der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hätten sich als Irrtum erwiesen.
„Besteht nicht ein wesentliches Fundament unseres Wohlstands darin, dass wir Produkte (Autos, Maschinen, chemische Erzeugnisse etc.) herstellen und global vermarkten? Welche Dienstleistungen können wir denn statt dessen exportieren“, fragt sich Sicking und strapaziert seine Leser mit dem witzlosen Zitat „Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden."
Lieber Herr Sicking, der Dienstleistungssektor wird doch nicht von Friseuren oder Pizzabäckern geprägt. Ein Blick in das Jahrbuch des Statischen Bundesamtes könnte Ihnen vielleicht helfen. In Deutschland sind besonders jene Bereiche gewachsen, die Dienstleistungen für andere Unternehmen erbringen. Der sektorale Strukturwandel vollzieht sich also nicht primär über eine Verdrängung von Industriewaren durch Dienstleistungen, sondern durch eine Verdrängung alter Produkte durch dienstleistungsintensiver hergestellte Produkte.
Und wie sieht es mit der heilen Produktwelt bei unseren Exporten aus? Auch da könnte Sicking von den Statistikexperten in Wiesbaden einiges lernen. Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab! Das ist leicht ablesbar an den Effekten des Exports für die Wachstumsrate in unserem Land. Das konnte man vor vier Jahren erkennen. Durch den Boom der Weltwirtschaft konnten wir unsere Exporte deutlich steigern, dass Inlandswachstum lag aber nur bei mageren 1,2 Prozent. Die positive außenwirtschaftliche Entwicklung bringt keine Initialzündung mehr für die Binnenwirtschaft.
Und wie sieht es mit der Vorliebe für Mähdrescher-Hersteller aus, die Damian Sicking äußerte? Das kann man beim Landmaschinenhersteller John Deere nachvollziehen. Der Landmaschinenhersteller erkannte frühzeitig die Wachstumspotenziale auf dem gesamten Green Market und kaufte mehrere Unternehmen aus dem Garten- und Landschaftssegment. Aus John Deere wurde JDL. Die frühere Mähdrescherfirma verkauft jetzt Rollrasen, Landschaftskonzepte, Beratung, vergibt Kredite für Gartenbauunternehmen und baute eine Fortbildungsakademie auf. Mit der reinen Produktzentrierung konnte JDL keine ausreichenden Gewinnmargen mehr erwirtschaften
Massenfertigung, Herr Sicking, findet immer mehr im Ausland statt. Das wird sich nicht mehr ändern. Wir müssen uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf smarte Servicekonzepte. Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben. Schauen Sie doch einfach mal ins Jahrbuch des Statischen Bundesamtes, Herr Sicking.


