Fehlende Ingenieure, unreife Schulabgänger, ratlose Politiker
von Udo Nadolski
Dieses Jahr könnte es zum ersten Mal seit 2001 wieder mehr freie Lehrstellen als Bewerber geben. Experten begründen dies mit dem Aufschwung in der Wirtschaft und dem daraus resultierenden Lehrstellenaufbau sowie dem Rückgang an geburtenstarken Jahrgängen.
Zudem meldet die Deutsche Industrie- und Handelskammer einen großen Mangel an qualifizierten Schulabgängern: Unternehmen suchen händeringend nach Nachwuchskräften.
Gerade in den Dienstleistungsbereichen fehlt es nicht nur an Kenntnissen bei der schulischen Ausbildung und Allgemeinwissen, sondern auch an „Disziplin, Eloquenz, Pünktlichkeit, Höflichkeit und Zuverlässigkeit“, wie Willy Weiland, General Manager des InterContinental Hotel Berlin, berichtet. Sogar grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Schreiben hätten im Vergleich zu früheren Jahrgängen deutlich nachgelassen, so die DIHK. Hinzu kommen mangelnde räumliche Mobilität und zeitliche Flexibilität sowie deutliche Defizite bei den angemessenen Umgangsformen.
Noch einmal verdeutlicht werden diese Tatsachen bei einer von der DIHK gestarteten Befragung von rund 12.000 Unternehmen in ganz Deutschland. Diese gaben an, dass 19% der Jugendlichen gar nicht erst am Arbeitsplatz erschienen seien, 14% kündigten noch während der Probezeit. Oft stellen sie sich unter ihrem Berufsalltag etwas anderes vor, als es tatsächlich der Realität entspricht.
Ein weiteres Problem ist, dass ca. 78.000 Schüler jährlich ohne Schulabschluss abgehen. Schwierige Familienverhältnisse, überforderte Lehrer und fehlende Perspektiven, auch mit einem Hauptschulabschluss, sind nicht gerade ein Motivationsfaktor.
Dazu kommt, dass die Schulabgänger oft Schwierigkeiten haben, Verantwortung zu übernehmen und gewissenhaft ständig zu lernen. Unternehmer nennen dies eine „fehlende Ausbildungsreife“. Die Absolventen haben somit eine viel geringere Chance, einen Ausbildungsberuf ausüben zu können.
Um diesem Problem Einhalt zu gebieten, haben Politiker und Unternehmer verschiedene Lösungsansätze erarbeitet: „Holt den Nachwuchs aus anderen EU-Ländern!“, „Prämien für Eltern, damit Deutschland mehr Kinder bekommt!“, „In zwölf Jahren statt dreizehn zum Abitur!“.
Dabei hat die Schulausbildung oberste Priorität. Schließlich sollten die Talente der Ingenieure, Dienstleister und Handwerker von morgen schon früh erkannt und gefördert werden.
Höflichkeit und zuvorkommendes Benehmen dürfen kein Ausnahmefall in der Erziehung bleiben, sondern müssen wieder ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft werden.


